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Die Geschichte des Hauses
Waitzinger & Fohr - zwei Familien prägen Miesbach
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Die Kreisstadt Miesbach mit ihren rund 11.000 Einwohnern trägt im ersten Anschein so gar nichts Besonderes in sich, macht - eingebettet in die sanften Hügel des Oberlandes - eher einen etwas verträumten Eindruck, ein Fleck, an dem allein althergebrachte Tradition und bairische Gemütlichkeit den Lauf der Dinge bestimmen, so möchte man meinen.

Bild: Miesbach um 1775, aquarellierte Federzeichnung von C. F. Feeg

Aber mit dem Namen Miesbach verbindet sich eine 900-jährige Geschichte, wie man sie sich wechselvoller kaum vorstellen kann: vom Lehen der Freisinger Bischöfe im 12. Jahrhundert zum reichsunmittelbaren Herschaftsgebiet unter den Maxlrainer Grafen - erst seit 1734 zu Bayern gehörig, vom hartnäckig verteidigten Protestantentum im 16. Jahrhundert zum blühenden Wallfahrtsort der Barockzeit, vom hurtig gewachsenen Zentrum des oberbayerischen Kohlebergbaus zum Mittelpunkt der bayerischen Viehzucht, von den skurrilsten Auswüchsen der Rätezeit über einen fanatischen Rechtsextremismus hin zu einem überzeugten Nationalsozialismus und dann wieder eine langjährige rote Mehrheit für das Amt des Bürgermeisters - Polarisierung pur.

Der Schein trügt also, ruhig und verträumt war Miesbach nie und nimmer und ist es auch jetzt nicht, doch das lassen sich die Miesbacher nicht anmerken.

Seit dem frühen Mittelalter war das Miesbacher Land altbairischer Siedlungsraum und bis heute hat sich dieses Landschaftsbild mit seinen verstreut liegenden Höfen, den Wiesen und Hagen dazwischen, mit den Weilern und kleinen Ansiedlungen erhalten. Doch ausgerechnet in Miesbach, im Brennpunkt dieses seit einem Jahrtausend bäuerlich geprägten Gebiets, kommt es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer rapiden industriellen Entwicklung, in deren Verlauf das modernste Bergwerk und die größte Landbrauerei Bayerns entstehen, beide untrennbar verbunden mit den Namen Waitzinger und Fohr.


Die Waitzinger

Eigentlich dürfen wir die Betrachtung nicht mit den Waitzingern beginnen, sondern müssen die weibliche Linie zurückverfolgen bis zu einem ganz markanten Punkt der Miesbacher Geschichte: dem Jahr 1734, als die Maxlrainer Grafen im Mannesstamm aussterben und die Grafschaft Hohenwaldeck einem alten Vertrag gemäß an den bayerischen Kurfürsten fällt.

Aus dem kleinen Herrschaftsgebiet ist nicht viel zu holen, einzig die Braurechte und die Verpachtung der ehedem gräflichen Brauerei bieten Aussicht auf Einnahmen. Da aber Wallenburg mit dem Schloß, dem Gutshof und der Brauerei wegen der hohen Verschuldung des letzten Maxlrainer Grafen unter Sequestergericht steht, ordnet Kurfürst Karl Albrecht um 1840 den Bau eines churfüstlichen Bräuhauses und eines eigenen Sommerbierkellers im Markte an. Den vormaligen Schlierseer Vogteirichter Franz Johann Michael Fischer setzt er als Gerichts- und Bräubeamten ein; ein Titel, der nicht besonders klingt, aber immerhin dem Aufgabenbereich eines Landrats, Amtsrichters und Finanzamtleiters umfaßt.

Sein Schwiegersohn und Nachfolger wird Georg Anton von Spitzl; bei der Bevölkerung ist er wegen seiner überstrengen Amtsführung so unbeliebt, daß man ihn zur bösen Sagengestalt werden läßt, die in Form eines schwarzen Spitzhundes bis heute ihr Unwesen treiben soll. In seine Amtszeit fällt Miesbachs dunkelste Stunde, der große Brand von 1783, der den gesamten Ort mit Ausnahme weniger Häuser in Schutt und Asche legt. Bei diesem Unglück beweist die Gattin des Herrn von Spitzl, Maria Anna Genofeva Petronilla, Umsicht und klaren Verstand, indem sie die eifrigen Brandhelfer beschwört, zuallererst die Verträge und Urkunden der Amtsregistratur in Sicherheit zu bringen. Als ihr Mann im Jahr darauf stirbt, steht sie im besten Alter, hat aber ein halb Dutzend Kinder zu versorgen. Auf die damals übliche Weise wird die vakante Stelle "ausgeschrieben"; der blutjunge Ignaz Joseph Obernberger erkennt seine Chance, heiratet die Witwe, wird mit 24 Jahren Vogteirichter und Bräuamtsverwalter zu Miesbach, bald danach Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, von Kurfürst Karl Theodor in den Adelsstand erhoben, schließlich einer der leitenden Beamten und der führenden Forscher des jungen bayerischen Königtums. Im Amt ständig um Neuerung und Besserung der Lebensverhältnisse bemüht zeigt er sich auch privat als sorgender Familienvater seiner 14 Kinder, ohne Unterschied, ob es die eigenen sind oder aus der 1. Ehe stammen. 1794, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, verheiratet er die älteste Tochter, Maria Anna Aloysia Crescentia von Spitzl, mit Augustin Waitzinger, dem Sohn eines begüterten Weinwirts aus Wolfratshausen, der in den folgenden Jahren das kurfürstliche Gut Schwaiganger in Pacht nimmt.

Bild: Georg Anton von Spitzl
Bild: Maria Anna Genofeva Petronilla von Spitzl

1809 bemüht sich Waitzinger um den käuflichen Erwerb des Bräuhauses in Miesbach, das zu dem Zeitpunkt von einem Consortium Miesbacher Wirte gepachtet ist. Trotz grundsätzlicher Verkaufsabsichten überlegt die 'kgl. Brauwesensadministration' wegen dieses laufenden Vertrags , ob es thunlich sei, dieses Bräuhaus schon dermal zu versteigern; als Waitzinger jedoch zusagt, ausstehende Forderungen zu übernehmen, erhält er am 22.12.1810 den Zuschlag um einen Kaufpreis von 43.200 fl, zwei Drittel davon baar zu bezahlen. Aus dieser Formulierung entsteht ein sechs Jahre währender Streit, da Waitzinger 15.000 Gulden in klingender Münze auf den Tisch legt, den restlichen Barbetrag jedoch in Staatsobligationen bezahlen will; auf diesen steht zwar ausdrücklich vermerkt, daß sie von staatlichen Kassen jederzeit angenommen werden, aber die Brauwesensadministration weigert sich, sie als "Bargeld" zu akzeptieren. Schließlich kommt es zu einem Vergleich und am 3. Mai 1817 wird der offizielle Kaufvertrag besiegelt.

Die wirtschaftliche und soziale Lage des Marktfleckens Miesbach um diese Zeit kann man keineswegs als rosig bezeichnen: noch immer leiden die Miesbacher an den Folgen des verheerenden Brandes, die ehedem florierende Wallfahrt ist auf ein geringes Maß zurückgegangen, Einquartierung und Rekrutierung, Lasten und Steuern infolge der Veränderungen und Kriegswirren der Napoleonzeit drücken schwer auf der Bevölkerung. Durchaus keine günstigen Voraussetzungen, um sich als neidvoll und mit Mißgunst beäugelter Fremdling ansässig zu machen und das teuer erworbene Geschäft auf- und auszubauen. Doch der in den Urkunden als nobilis et perdoctus bezeichnete Augustin setzt sich durch, erwirbt sich Freunde und Anerkennung in Miesbach, macht seine Brauerei zu einem rentablen Unternehmen, das er durch An- und Zukäufe nicht unbeträchtlich vergrößert.

Am 18. März 1847 verstirbt Augustin Waitzinger, einziger Erbe ist Maximilian Joseph, der in der Familienchronik wie folgt beschrieben wird: Er war ein Ehrenmann im vollsten Sinn des Wortes, eignete sich aber wenig für einen Geschäftsmann. Er war einfach von Sitten, liebte die Natur und Lektüre. Seine Kinder liebte er über alles. Bei seiner Brauerei, seiner ausgedehnten Oekonomie, und im engen Kreis seiner Familie wäre er vielleicht der glücklichste Mann gewesen, wenn nicht der rege Unternehmungsgeist seiner Frau ihm manch schwere Stunde bereitet hätte, und doch war es auch wieder ein Glück, eine solch energische Frau an der Seite zu haben.

1855 stirbt Max Waitzinger im Alter von nur 51 Jahren an einem Lungenleiden. Wenige Wochen später führt das berühmte 'Königsschießen' rund 300 Schützen nach Miesbach: Um die 7. Abendstunde des 18. Juli begann in den reichgeschmückten Localitäten der Frau Waitzinger der Schützenball, wo sich das Miesbacher Hütchen neben dem mit Blumen geschmückten städtischen Lockenkopfe im Kreise drehte... Erst beim Dämmern des Tages verstummten die müden Geigen, die freundliche Sonne geleitete die letzten Gäste auf die Wege zur Heimat, und die emsige Schlierach drängte es, den süßen Traum den Thälern zu erzählen.

Bild: Augustin Waitzinger
Bild: Maria Anna Aloysia Creszentia Waitzinger

Diese Susanna Waitzinger mit ihrem regen Unternehmungsgeist sei allemal der näheren Betrachtung wert. Erst 19 Jahre alt ist die Tochter des Tölzer Klammerbräu-Besitzers Andreas Höfter, als sie 1830 die standesgemäße Verbindung mit Max Waitzinger eingeht. Nach dem Tode ihres Schwiegervaters Augustin übernimmt eigentlich sie die Leitung der Brauerei, schaltet und waltet mit Energie und Umsicht, baut an allen Ecken und Enden, vergrößert den Besitz wesentlich. Susanna wird uns geschildert als eine jener thatkräftigen und raschen Naturen, die vor keinem Wagnis zurückschrecken, und weiter steht zu lesen: Volle 25 Jahre stand Frau Waitzinger dem in weitesten Kreisen bestbekannten Gasthofe vor und verwaltete mit Geschick den dazugehörigen großen landwirtschaftlichen Besitz. Bei Frau Waitzinger fanden die Fremden, welche aus allen Teilen Deutschlands nach Miesbach strömten, gute Küche und schöne Mietwohnungen, die Erholungsbedürftigen die freundlichste Pflege im Hause und außer demselben einen prächtigen Garten...Frau Waitzinger gehörte zu den besonderen Wohltäterinnen Miesbachs. Wie liebevoll nahm sie sich nicht im Jahr 1870/71 der verwundeten Krieger an, wie vielen Kindern hat sie nicht jährlich den Weihnachtsbaum aufgerichtet, wie vielen Armen Speise und Trank gegeben! Noch im Jahr 1877 schenkte sie den Erlös eines Grundstücks dem Schulfonde mit der Bestimmung, aus den Renten des Kapitals täglich 3 armen Schulmädchen eine Mittagskost zu reichen...ferner zollten Frau Waitzinger die Arbeitsleute, welche bei ihr Verdienst erhielten, für den guten Lohn, den sie bekamen, den größten Dank.

Bild: Susanna Waitzinger
Bild: Susanna Waitzinger mit ihren Kindern

Der Name Waitzinger steht jetzt für wirtschaftlichen Aufschwung und gesellschaftliches Leben in Miesbach, der Gasthof Waitzinger ist das erste Haus am Platz, die Waitzinger Brauerei nach dem Bergwerk der größte Arbeitgeber. Die unbeirrbare Zielstrebigkeit Augustins und die beispiellose Geschäftstüchtigkeit Susannas haben die Waitzinger innerhalb eines halben Jahrhunderts vom ungeliebten Neuankömmling zur beherrschenden Familie Miesbachs werden lassen.

1880 verstirbt Susanna nach schwerer Krankheit, ein Jahr zuvor hat sie den gesamten Besitz an ihre Kinder Joseph Waitzinger, Susanna Fohr und Bertha Schillinger gemeinsam übergeben, während ihr jüngster Sohn Ludwig bereits einige Jahre früher den Kutscherwirt (später Gasthof zur Alpenrose, heute Dresdner Bank) erhalten hatte. Schon bald zeigt sich, daß mit dem Spieler und Leichtfuß Joseph, in Miesbach wegen seines Unfalls beim Münchner König-Ludwig-Gedenkmarsch nur "Elefantenpeppi" genannt, keine fruchtbare Zusammenarbeit möglich ist; als er mehr und mehr abwirtschaftet, muß er die Geschäftsleitung der Brauerei abgeben, diese übernimmt Carl Fohr, auch Bertha Schillinger scheidet aus der Erbengemeinschaft aus, sie wird finanziell abgefunden.

Da der "Elefantenpeppi" kinderlos bleibt, wird die männliche Linie nur noch über Ludwig fortgesetzt. Sein Sohn Ludwig August ist der letzte Täger des Namens Waitzinger, er stirbt 1977 als emeritierter Biologieprofessor in Stanford/Kalifornien.


Die Fohr

Am Zusammenfluß von Rhône und Isère liegt die alte französische Provinzstadt Valence; dort finden sich um 1600 die frühesten Spuren der Fohr.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist der uns interessierende Familienzweig in Heidelberg und Mannheim mit drei Brüdern ansässig: Carl Philipp, der frühvollendete romantische Zeichner und Maler, der als einer der wenigen seiner Zeit europäische Bedeutung für sich beanspruchen darf, ertrinkt 1818 im Alter von nur 22 Jahren während eines Romaufenthalts beim Baden im Tiber. Daniel besitzt zwar nicht das außerordentliche Talent seines Bruders, bringt es aber immerhin zum Herzoglich-Badischen Hofmaler. Beide, wenn auch zeitlich versetzt, studieren an der Münchner Akademie und beide wandern an die bayerischen Seen, malen und zeichnen die herrliche Landschaft des Voralpengebiets. Da aber beide Künstler kinderlos bleiben, setzt sich die Linie mit dem mittleren der Brüder, Georg Michael, fort. In Mannheim führt er das so sehr renomirte Hotel "Europäischer Hof", jahrelang von internationalem Publikum gerne besucht und ein einträgliches Geschäft, mit dem Aufkommen der Dampfschiffahrt auf dem Rhein aber ungünstig gelegen und schließlich unrentabel geworden. Immerhin reichen die finanziellen Mittel noch aus, um den zwei Söhnen eine gute Ausbildung zukommen zu lassen.

Beide Brüder besuchen die Bergakademie in Freiburg und werden Bergingenieure. Während der jüngere Daniel Franz bald nach Abschluß seiner Ausbildung in die USA auswandert und sich dort ein stattliches Vermögen erwirbt, arbeitet Carl Anton zuerst in Westfalen, im Saar- und Ruhrgebiet. 1865 tritt er als Betriebsingenieur in das Bergwerk Miesbach ein, fünf Jahre später wird er Technischer Direktor, schließlich Generaldirektor der Oberbayerischen Aktiengesellschaft für Kohlenbergbau, welche die Gruben Miesbach/Hausham, Penzberg und Bregenz in Besitz hat. Da seine Person und sein Wirken nachhaltige Bedeutung für Miesbach haben, wollen wir uns etwas eingehender damit beschäftigen.

Bild: Carl Anton Fohr

Einen trefflichen Einstieg bietet wiederum die Familienchronik: Mein Vater kam mit 30 Jahren an das damals in schlechter Verfassung stehende Miesbacher und Haushamer Bergwerk, welches nicht nur fast ohne Gewinn, sondern auch in jeder anderen Hinsicht sehr ungünstig arbeitete. Die Kohlen wurden nicht sortiert, die Arbeiter waren verdrossen und undiszipliniert und es fehlte gänzlich an ordentlichen Arbeiterwohnungen. Alles dies war kein verlockendes Bild für einen jungen Mann, der aus einem solchen Chaos geordnete Zustände schaffen soll... Obwohl er von anderer Seite ein viel lohnenderes Anerbieten bekam, blieb er dennoch auf seinem Posten. Er erkannte, was mit Energie und Fleiß aus diesen Gruben gemacht werden könnte...Und so arbeitete er unermüdlich fort, bis die "schwarzen Diamanten" sich mehr und mehr in Gold verwandelten. Die Mienen der Arbeiter hellten sich auf, als niedliche Häuschen die alten Brutstätten der Krankheit und Unreinlichkeit verdrängten. Produktion und Absatz der größtenteils sehr bauwürdigen Flözen abgewonnenen Kohlen erhöhten sich in ungeahntem Maße, so daß die Förderung von einigen zehntausend auf 9 Million Zentner jährlich stieg, verteilt auf die Gruben Miesbach, Hausham und Penzberg. Die Kohle fand Eingang in den meisten süddeutschen Fabriken und Garnisonen und für München, Augsburg etc. versorgten sie den größten Teil des Hausbrandes. Gehalt und weitere Bezüge des Vaters entsprachen dem stetigen und raschen Aufblühen des von ihm geleiteten Werkes.

Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die beiden bayerischen Naturforscher und Gelehrten Franz von Paula-Schrank und Mathias von Flurl mit den Miesbacher Kohlen beschäftigt und wegen der damals herrschenden Brennholz-Knappheit Vorschläge für einen rentablen Abbau gemacht. In geringem Umfang fand ein solcher durch den Miesbacher Bergbau-Pionier Josef Karlinger zwischen 1835 und 1850 statt, von industriellem Abbau sprechen kann man in Miesbach seit der Jahrhundertmitte, in Hausham etwa 15 Jahre später.

Als Carl Anton Fohr nach Miesbach kommt, steckt das Bergwerk also noch in den Kinderschuhen. Seinem Wissem und Können, seinem Geschick und seiner Energie bleibt es in den nächsten 25 Jahren vorbehalten, die Miesbach-Haushamer Grube von den schwierigen Anfängen zum führenden Bergbaubetrieb Bayerns umzugestalten. Eine entscheidende Voraussetzung dazu findet er bereits vor: 1861 ist die Stichbahn Holzkirchen-Miesbach eingeweiht worden. Damit verfügt das Bergwerk über das modernste Verkehrs- und Transportmittel - dessen weiteren Ausbau nach Hausham und Schliersee er hartnäckig betreibt und 1868 erfolgreich durchsetzt - und ist in der Lage, die schnell wachsende Zahl von Dampfkesseln und-maschinen, die angesprochenen Fabriken, Kasernen und Privathaushalte ganz Südbayerns mit preisgünstiger Kohle zu versorgen.

Bild: Arbeiten im Miesbach Bergwerk (Fresko)

Die Wirtschaft des Bergwerks boomt: 1869 erwirbt der Miesbacher Bergbauverein die Grube Penzberg. Die Folge dieser Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis ist die Gründung der ‘Oberbayerischen Aktiengesellschaft für Steinkohlen in Miesbach’ mit einem Grundkapital von 2,45 Millionen Gulden und Sitz in Miesbach. 1873 übernimmt die AG das Tölzer Feld der ‘Belgischen Inn-Gesellschaft’, 1876 den Kohlebergbau in Bregenz. In diese Zeit fällt der Beginn eines außerordentlichen bergbaulichen Unternehmens, der ‘Auer Hauptquerschlag’, ein Horizontalstollen, geplant zur wesentlich einfacheren Wasserhaltung und Kohleförderung, mit 14 km damals der längste Stollen Europas. Ab Mitte der 18-jährigen Bauzeit werden erstmals auch mechanisch betriebene Preßluftbohrer eingesetzt. Den Erfolg, den man sich von diesem gewaltigen Projekt erwartet, möge die folgende Aussage verdeutlichen: Bei ungestörten Verlauf wird der Durchschlag mit Hausham voraussichtlich im Jahr 1888 erfolgen: Der hiedurch erschlossene Kohlenreichtum ist ein unermeßlicher, so daß die Zukunft der Werke auf Jahrhunderte gesichert ist. Leider erweist sich der Stollen aber als wirtschaftlicher Fehlschlag.

Bild: Die neue Schachtanlage um 1890

Mitunter kommt taubes Gestein zum Vorschein, meist aber verwandeln sich die ‘Schwarzen Diamanten’ zu purem Gold, immer jedoch hat Carl Anton Fohr seine Hand im Spiel. Wie sein Tun und Handeln natürlich auf den wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet ist, kennt er auch die sozialen Zusammenhänge eines solchen Unternehmens, ist um das Wohlergehen seiner Arbeiter und die gute Ausbildung seiner Führungskräfte gleichermaßen bemüht.

Durch den Konsum-Verein kommen die Arbeiter in den Genuß guter und preisgünstiger Ware, Freibrand- und Deputatkohle, Knappschaftskasse und die günstigen Mieten in den neugebauten Arbeiterwohnhäusern sind einzigartige soziale Leistungen, wie sie nur das Bergwerk bietet. Auf Fohr’s Veranlassung wird 1872 die ‘Miesbacher Bergschule’ durch das kgl. Bayerische Oberbergamt gegründet, sie ist die einzige bergmännische Anstalt Bayerns.

An allen technischen Neuerungen ist der Ingenieur Fohr interessiert, besonders aber am Umgang mit dieser neuen phantastischen Elektrizität. Die Bekanntschaft mit Oskar v. Miller, dem Gründer des Deutschen Museums, kommt noch dazu, wen will es also wundern, wenn Miesbach zum Ausgangspunkt einer High-Tech-Weltpremiere wird: im September 1882 findet die Erste Deutsche Elektizitäts-Ausstellung im Münchner Glaspalast statt; erstmalig soll auf einer Strecke von 57 Km ein auf etwa 2000 Volt hochgespannter Strom dorthin übertragen werden, um einen 1,5 PS starken Elektromotor zu speisen und damit auf dem Ausstellungsgelände einen Wasserfall in Betrieb zu setzen. Der Versuch gelingt. Erzeugt wird dieser Strom von einem dampfgetriebenen Generator im Maschinenhaus des Miesbacher Bergwerks. Es ist der gleiche Generator, der 14 Tage später die Räume der Bergwerks AG illuminiert und damit in Miesbach das Zeitalter der Elektrizität beginnen läßt - so früh, wie kaum sonstwo.

Bild: Erste elektrische Kraftübertragung (1)
Bild: Erste elektrische Kraftübertragung (2)
Bild: Ansicht von Miesbach um 1885

Rund 1200 Leute arbeiten in der Miesbacher Grube, Einheimische und solche, die das Bergwerk angezogen hat - aus Böhmen und Mähren, aus Tirol, Oberitalien oder sonstwoher. Das Zusammenleben funktioniert nicht immer reibungslos, zu schnell ist Miesbach gewachsen - von 1200 Einwohnern im Jahr 1850 auf 2100 Einwohner im Jahr 1875 -, doch die Spannungen halten sich in Grenzen, solange das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Miesbach floriert. Und dafür sorgen der gute Verdienst im Bergwerk und das reichhaltige Angebot der Frau Waitzinger.

Waitzinger & Fohr, kein Firmenschild, aber inzwischen eine enge Verbindung und schließlich ein mächtiger Besitz in der Hand eines einzigen; der Weg dahin sei kurz skizziert: Als der junge Carl Fohr die Angebote anderer Bergbauunternehmen ausschlägt und lieber in Miesbach bleibt, trotz des nicht nicht gerade einladenden Zustands der Grube, so hat dies auch einen sehr persönlichen Grund, und der heißt Susanna Aloisia Waitzinger, Tochter unserer bekannten Susanna. 1866 führt der gutausehende Bergwerksingenieur aus Mannheim Miesbachs beste Partie zum Traualtar, eine Liebesheirat, allem Anschein nach. Zwei Jahre nach der Hochzeit erblickt Carl Ludwig das Licht der Welt, nicht viel später bezieht die Familie die schöne neue Villa auf der Waldecker Höhe, zwei Jahrzehnte des Glücks und der Harmonie folgen. Als Susanna Fohr in der genannten Weise zur Alleinerbin wird, ist die Leitung von Brauerei und Bergwerk in einer Hand vereint, Carl Anton Fohr kann sich als der mit Abstand reichste und mächtigste Mann Miesbachs betrachten. Dies protzig zu tun, lag ihm gewiß fern, wird er uns doch geschildert als ein seltener Charakter, ein ganzer Mann und doch voll Güte und Wohlwollen, mild und gerecht, ein Feind jeder Tücke und Falschheit. Eine tragische Wende, als er Mitte der 80er Jahre von einem Gehirn- und Rückenmarksleiden befallen wird, das rasch zunimmt und ihn 1889 sanft entschlafen läßt.

Bild: Carl Ludwig Fohr

Unmittelbar nach dem Tod des Vaters bricht Carl Ludwig sein Bergbau-Studium in Claustal-Zellerfeld ab und übernimmt ab Oktober 1890 die Waitzinger-Brauerei, Gut Wallenburg, den Gutshof Achatswies bei Fischbachau und weitere Besitzungen, die ihm laut notariellem Vertrag von seiner Mutter übergeben wurden. Die weitere Entwicklung ist in einem ‘Separat-Abdruck’ (wohl aus dem Jahr 1903) schlüssig zusammengefaßt: Die jetzt unter der Firma Waitzingerbräu Aktiengesellschaft in Miesbach betriebene Brauerei ist mit ihrem jährlichen Bierabsatz von 60.000 hl die größte Landbrauerei Bayerns .... Die Brauerei blieb bis zum Jahre 1902 im Besitze der Nachkommen des Augustin Waitzinger. In diesem Jahre führte Herr Carl Fohr, ein Urenkel Waitzingers, die Brauerei in eine Aktiengesellschaft über, nachdem er im Jahre 1897 den Betrieb der Schloßbrauerei Wallenburg bei Miesbach ... mit seiner Brauerei vereinigt hatte.

Durch diese Vereinigung stieg der Bierabsatz im Jahre 1897 um 7.000 hl auf 35.000 hl. Zur Zeit der Übernahme der Brauerei durch Herrn Carl Fohr von seiner Mutter ... betrug der Bierabsatz 20.000 hl.

Herr Carl Fohr erhob das Unternehmen unter Mitwirkung des jetzigen Direktors Wolff vom Mittelbetrieb allmählig zum Großbetrieb. Im Jahre 1900 bezifferte sich der Absatz schon auf 43.000 hl und im Jahre 1902, beim Übergang an die Aktiengesellschaft, war er auf 48.000 hl gestiegen.

Diese Absatzmehrung innerhalb 12 Jahren bedingte eine bedeutende Vergrößerung und Verbesserung der Betriebseinrichtungen. Es mußte eine neue Dampfkessel- und Dampfmaschinen-Anlage geschaffen und die Gär- und Lagerkeller vergrößert werden. Ferner wurden elektrische Beleuchtung und elektrische Kraftübertragung eingerichtet. Für die Kühlung der Gär- und Lagerkeller, sowie der Malztennen wurden Linde’sche Kühlanlagen mit vier Kompressoren aufgestell und ein neues Sudhaus mit Dampfkochung für 42 hl Einmaischung gebaut.

Der Fuhrpark erfuhr ebenfalls eine bedeutende Vermehrung. Während man vor 20 Jahren noch mit 8 Pferden und 2 Zugochsen auskam, stehen heute 20 schwere Zugpferde und 34 prächtige Miesbach-Simmenthaler Zugochsen in den Stallungen. Ferner ist ein Daimler-Lastautomobil mit 20 Pferdestärken für den Biertransport auf weite Entfernungen in Betrieb. Außerdem besitzt die Brauerei als Inhaberin der Kgl. Poststallhaltung noch 12 Omnibus- und Chaisenpferde. Das Hauptabsatzgebiet bildet der Bezirk Miesbach; in neuerer Zeit erstreckt sich dasselbe auch auf auswärtige Kunden. Mit der Brauerei ist ein Grundbesitz von 24 Hektar verbunden. Die wertvollen Grundstücke liegen teils im Markt Miesbach selbst, teils in nächster Nähe desselben.

Bild: Fuhrpark mit Lastwägen

Die Aktiengesellschaft arbeitet mit einem Aktienkapital von eineinhalb Millionen Mark. Den Vorsitz im Aufsichtsrat führt Herr Gutsbesitzer Carl Fohr in Wallenburg ... Die Brauerei beschäftigt im Ganzen 80 Personen.

Die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Waitzinger AG ist in der bayerischen Brauerzeitung von 1935 so zusammengefaßt: Im Jahre 1906 wurde die Brauerei Kasten bei Miesbach käuflich erworben. Das folgende Jahr brachte den Erwerb dreier Brauereien in Landsberg (Zederbräu, Christeinerbräu und Schafbräu), die zu einem Betrieb vereinigt wurden. Später, während des Krieges, kam noch der Fletschbräu dazu. Zum Betrieb in Miesbach war 1908 noch die Brauerei Moosrain bei Gmund am Tegernsee gekauft, dann aber stillgelegt worden.

Durch den Zukauf der Landberger Brauereien erhöht sich der Bierabsatz der Waitzinger AG um etwa ein Drittel, mit 97.400 hl erreicht er im Jahr 1913 seinen höchsten Wert.

Bild: Etiketten von Biersorten

1911 wird das Miesbacher Bergwerk geschlossen, die Arbeiter werden in die Gruben nach Hausham und Penzberg verlagert oder entlassen, die Direktion der Bergwerks AG wandert nach München ab; dies ist mit enormen Einbußen im Gemeindesäckel und mit einer deutlichen Veränderung der Miesbacher Infrastruktur verbunden. Dann folgt der 1. Weltkrieg und danach die chaotische Geldentwertung gekoppelt an eine Wirtschaftskrise ungeheuren Ausmaßes.

Äußere Einflüsse genug, um selbst einen gesunden Betrieb ins Wanken zu bringen, ob auch Mißwirtschaft innerhalb der Firma Anteil hat, entzieht sich der Kenntnis. Jedenfalls legt Carl Fohr ab 1919 wieder selbst Hand an. Als Brauereidirektor versucht er, die Waitzinger AG wieder in die Höhe zu bringen, den gefährdeten Besitz zu retten; beides gelingt nicht. Die Aktienmehrheit geht 1928, im Jahr nach seinem Tod, auf die Paulaner AG über.

Für die folgenden 25 Jahre fehlen so gut wie alle Unterlagen. Wohl aus werbetechnischen Gründen wird die Waitzingerbräu AG um die Mitte der 50er Jahre in ‘Kurfürstlich Bayerisches Brauhaus Waitzinger AG’ umbenannt,. Eine kosmetische Maßnahme, höchstens dazu angetan, über die dringend notwendigen Investitionen hinwegzutäuschen. Diese erfolgen auch in den nächsten 2 Jahrzehnten nicht. Im April 1977 ergeht der Aufruf an die Aktionäre der Waitzinger AG, ihre Aktien im Verhältnis 11:4 gegen Aktien der Paulaner-Salvator-Thomasbäu AG einzutauschen oder sich eine Barabfindung ausbezahlen zu lassen. Der letzte Sud wird am 8. Juli 1977 vorgenommen. 237 Jahre Miesbacher Braugeschichte enden mit der Begründung, daß die Einstellung des Sudbetriebs außer durch eine Veralterung der Anlage insbesondere auch durch die in Miesbach nur mit unverhältnismäßig hohen Kosten mögliche Lösung der Abwasserfrage bedingt sei.


Der Waitzinger Keller

Die Geschichte des Waitzinger Kellers führt uns zurück in das aufblühende Miesbach, als in der Schützenstraße die Arbeiterhäuser entstehen und auf den Anhöhen die Villen, als das Bergwerk unter Carl Fohr und das gesellschaftliche Leben durch die rege Susanna Waitzinger so richtig in Schwung kommen, sie führt uns zurück in jene Tage, die man schlechthin mit dem Begriff der "Guten Alten Zeit" verbindet.

Seit längerem schon überlegt Susanna, wie sie der rasch anwachsenden Bevölkerung Miesbachs und dem immer stärker werdenden Zustrom von Sommerfrischlern und Ausflugsgästen durch Umbau und Erweiterung ihrer Lokalitäten gerecht werden könne. Besonders trifft das auf den terrassenartig angelegten Waitzinger Garten zu, der zwar einen wunderschönen Ausblick auf Miesbach und die umliegenden Hügel und Berge bietet, aber halt nur bei geeignetem Wetter zum Verweilen einlädt und damit ein Problem darstellt, was Logistik und Wirtschaftlichkeit anbelangt. Im April 1876 legt die tüchtige Geschäftsfrau Pläne vor, die eine Umgestaltung des Gartens und den Bau einer "Kellerhalle" mit Platz für etwa 250 Gäste vorsehen. Ein Jahr danach haben die Pläne Gestalt angenommen, das mächtige Gebäude ist errichtet, nur die Ausmalung der Gewölbe und die Neuanlage des Gartens müssen auf das nächste Jahr verschoben werden.

Bild: Anzeige im Miesbacher Anzeiger (1)
Bild: Anzeige im Miesbacher Anzeiger (2)

Miesbach, 13. Mai 1878 . Zur diesjährigen Eröffnung der Waitzinger’schen Kellerlocalitäten am vergangenen Sonntag hatte sich ein äußertst zahlreiches Publikum eingefunden, das nach vorhergegangener Besichtigung und gebührender Bewunderung der seit letzter Saison allenthalben getroffenen vorteilhaften Veränderungen sich mit sichtlicher Befriedigung dem seit langem entbehrten Genusse hingab, in freier Natur, bei gutem Biere und den Klängen eines vortrefflichen Orchesters Geist und Körper in heiterer Gesellschaft zu laben. Besonderes Wohlgefallen erregten begreiflicher Weise die in der Kellerhalle neu angebrachten von Meister Dirnberger geschaffenen Wandmalereien, Bilder aus dem hiesigen Volksleben darstellend, die mitsamt den dazu passenden von Herrn Kreisamtsassessor v. Schenk gedichteten sinnreichen Sprüchen durch ihre Originalität wie künstlerische Ausstattung gerechte Bewunderung verdienen. Somit verdankt Miesbach dem Verschönerungssinn und Unternehmungsgeist der Frau Waitzinger in diesen Räumlichkeiten ein Werk, auf das wir mit Stolz blicken können, und welches in seiner Großartigkeit von derartigen Etablissements selbst in größeren Städten kaum übertroffen werden dürfte.

Daß Susanna Waitzinger im "Rentenalter" von 68 Jahren noch ein solches Projekt anpackt, ist nicht nur bezeichnend für die außerordentliche Energie dieser famosen Frau, sondern auch für den damals in Miesbach herrschenden Zeitgeist; das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und der Glaube an die Zukunft lassen ein Werk mit einer Leichtigkeit, ja Selbstverständlichkeit entstehen, die uns heute ins Grübeln versetzt.

Gut 25 Jahre später hat sich die Situation erneut verändert. Die bereits erwähnte Expansion der Brauerei , wie auch die Nachfrage nach einem großen Veranstaltungsraum mit entsprechender Bühne lassen in Carl Fohr und Direktor Zacharias Wolff den Entschluß reifen, die Waitzinger Keller-Halle zum Waitzinger Keller-Saal umzubauen. Die von Dirnberger bemalten Gewölbe fallen dieser Umgestaltung leider zum Opfer. Im März 1906 wird mit dem Saalbau begonnen, die Arbeiten kommen erstaunlich schnell voran, bereits am 5. August 1906 findet die festliche Eröffnung statt: Der Saal ist vorläufig ganz in Weiß, das südliche Ende bildet die Bühne, in die nördliche Wand ist ein riesiges gemaltes Fenster eingelassen, ein Werk des Herrn Glasermeisters Andr. Egger. ... Sehenswert sind die Beleuchtungseffekte, sie zeigen uns auf der Bühne Berge im Alpenglühn, dämpfen bei Vorgängen auf der Bühne wirkungsvoll das Licht im Zuschauerraum und können allen Anforderungen der Regisseurkunst angepaßt werden. Die wertvollsten Neuerungen wurden beim Bau verwertet, auf die größte Bequemlichkeit des Publikums Rücksicht genommen. Der Saal, der wirklich eine Erungenschaft für Miesbach ist, faßt in der splendiden Verteilung der Tische bequem 600 Personen ...

Bild: Trachtenpaar (Gemälde)

Dimm-Möglichkeit und elektrische Bühnenscheinwerfer mit Farbeffekten - belächelte Standards im Computerzeitalter - sind damals eine vielbestaunte Neuheit, die "s Almreserl" oder Anzengrubers's "G'wissenswurm" zum gut besuchten Theatererlebnis werden lassen. Ob Bockbieranstich oder Faschingsball, ob Vereins- oder Parteiversammlung, ob Theater, Konzert oder Komische Vorträge - mit dem Waitzinger Keller-Saal hat Miesbach einen gesellschaftlichen Mittelpunkt erhalten, wie er weit und bereit nicht zu finden ist. Vor dem Hintergrund der historischen Veränderungen wird das Gebäude sieben Jahrzehnte lang von den verschiedensten Institutionen für Großveranstaltungen genutzt.

Bild: Der Waitzinger Keller-Saal zur Gastwirtetagung 1926 (1)
Bild: Der Waitzinger Keller-Saal zur Gastwirtetagung 1926 (1)

Letztendlich muß der Waitzinger Keller-Saal aber das gleiche Siechtum durchmachen wie die Waitzinger AG selbst. Investitionen bleiben aus, seit Jahren anstehende Renovierungsarbeiten werden nicht durchgeführt, die behördlichen Auflagen können nicht mehr erfüllt werden. 1976 wird der Keller-Saal für den Veranstaltungsbetrieb gesperrt, ein Schwelbrand im März 1986 läßt ihn endgültig zur Bauruine werden.

Ein mächtiges traditionsreiches Haus, 1982 unter Denkmalschutz gestellt, herrlich gelegen auf der Anhöhe mit dem alten Baumbestand modert vor sich hin - keine 3 Gehminuten vom Stadtplatz entfernt.

Noch befindet sich das Bierdepot der Paulaner AG in dem Gebäude, mehr schlecht als recht in einigen Räumen und Anbauten untergebracht. Ein vernünftiger Schritt in die richtige Richtung, als sich Brauerei und Stadt 1987 darauf einigen, den Waitzinger Keller mit Geländeumgriff gegen eine entsprechende Fläche im Industriegebiet Nord einzutauschen. Das Thema "Stadthalle", das den Stadtrat seit 1978 mit verschiedenen Standortmöglichkeiten immer wieder beschäftigt hat, erhält mit dem Erwerb des Waitzinger Kellers Aktualität und Brisanz. Nach langen, heftigen und kontroversen Diskussionen im Stadtrat faßte dieser am 23. Januar 1992 mit 13:8 Stimmen den Beschluß, den Waitzinger Keller mit beträchtlichem finanziellen Aufwand zu einem Kulturzentrum mit Stadthalle und Räumen für die Volkshochschule und als Begegnungsstätte für Vereine und Jugendgruppen auszubauen.

In Anlehnung an den Artikel im Miesbacher Anzeiger vor 120 Jahren ist man zu sagen geneigt: Somit verdankt Miesbach dem Verschönerungssinn und Unternehmungsgeist seines Stadtrats ein Werk, auf das wir mit Stolz blicken können, und welches in seiner Großartigkeit kaum übertroffen werden dürfte.

Waitzinger & Fohr, kein Firmenschild, aber zwei Familien, die Miesbachs Geschichte in vier Generationen nachhaltig beeinflußt haben, auch wenn die folgenden Jahrzehnte kaum etwas davon übrig ließen. Wie viele wissen denn noch, daß diese rote Backsteine einst die Direktion der Oberbayerischen Kohlebergbau AG berherberten, daß dieses hohe komische Gebäude als Sudhaus der größten Landbrauerei Bayerns diente? Zuviele Jahre liegen dazwischen, Jahre der Stagnation und des Niedergangs, schwere Jahre für Miesbach. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Miesbach gebraucht, um sich zu erholen, um Kraft zu schöpfen, um wieder vorwärts zu blicken, dorthin, wo man vielleicht schon einmal war?



Miesbach im August 1997
Martin Fischhaber, Leiter des Stadtarchivs